Von der Kunst, nichts zu tun!

„Chill mal, Mama“ rief das jüngste Kind gestern in meine Richtung, während ich gleichzeitig Koffer auspackte, die Gästeinfomappe las und mir über das Essen Gedanken machte.
Und sie hat so recht! Ich sollte mich entspannen, einfach nichts tun, Löcher in die Luft schauen und es so richtig öde und schnöde langweilig haben.
Das war auch der Plan.

Aber das ist gar nicht so leicht. Und da bin ich wohl nicht die einzige, die damit Schwierigkeiten hat. Und genau deswegen haben wir schon letztes Jahr diesen Urlaub geplant. Ein Urlaub auf der Hallig Hooge. Ein winziges Eiland in der Nordsee, an dem man sozusagen gezwungen ist, nichts zu tun. Denn es gibt hier nichts zu tun. Man kann lesen und laufen, die Kühe beobachten und als absolutes Highlight ein Fischbrötchen essen. Viel mehr gibt es einfach nicht.

Wir haben diesen Urlaub gebucht, als von Corona noch weit und breit nichts zu sehen und zu hören war. Wer konnte schon ahnen, dass wir das absolute Glückslos gezogen haben und tatsächlich die Pfingstferien am Meer verbringen dürfen.
Ich verschone Euch auch mit wunderbaren Aufnahmen vom Watt und dem glücklichen Kind beim Muscheln suchen.
Es ist gemein genug, dass so viele von Euch weitere Wochen zu Hause verbringen müssen, anstatt am Pool zu liegen oder den Minimalismus eines MobileHomes zu genießen.
Deswegen keine Urlaubsbilder und schwärmende Worte über die Nordsee und den Blick aus meinem Fenster, den ich gerade genieße.

Aber dafür ein paar mahnende Worte an die Hektik und den Alltagstrubel:

„Liebe Hektik,

Es ist ja ganz nett von Dir, dass du mich nicht im Stich lassen wolltest und gemeinsam mit mir in diesen Urlaub gefahren bist. Aber leider muss ich Dir sagen, dass das mit uns beiden hier nicht funktionieren wird. Du lässt mich ständig auf die Uhr schauen, zur Sicherheit den Wecker stellen (man möchte ja nichts von dieser kostbaren Zeit hier verschwenden), du sagst mir, dass ich zum Spazierengehen auch ein Hörbuch hören könnte, dann wäre das wenigstens etwas sinnvoll genutzte Zeit. Und das lesen eines Romans? Wie wäre es statt dessen mit einem Buch zur Weiterentwicklung meiner Persönlichkeit?
Ist denn der Essensplan für diese Woche schon geschrieben? Dann ließe sich viel sinnvoller einkaufen. Und wann und wo werden welche Veranstaltungen angeboten? Was, es gibt hier kaum welche?? Aber wie bekomme ich denn dann den Tag gut gefüllt??

Es reicht mir. Ein freundliches STOP in Deine Richtung, liebe Hektik. Such Dir eine andere Ecke auf der Insel, da kannst Du dich dann ganz für Dich alleine austoben. Oder Du fährst einfach wieder nach Hause und wartest dort auf mich.
Aber lass mich bitte hier einfach nur SEIN. Ich will über die Hallig bummeln, ohne Plan und Ziel. Ich will Tagträumen und vor mich hin denken. Wenn ich müde bin möchte ich schlafen, ja, auch mitten am Tag. Und wenn mir nach Gesellschaft ist, hab ich ja meine Familie dabei. Die übrigens ihre Hektik schlauerweise gleich ganz zu Hause gelassen hat.
Ich möchte lesen und schreiben und den Kälbchen beim toben auf der Weide zuschauen. Ich möchte die Stille hören und mich vom Wind durchpusten lassen.

Genau das möchte ich. Ohne Blick auf die Uhr, denn es ist absolut egal, wie spät es ist. Ich möchte vergessen, welcher Wochentag ist und nicht mehr an die Dinge denken, die zu Hause auf Erledigung warten.

Und ich glaube ganz fest daran, wenn ich das hier schaffen kann, dann kann ich davon auch ein Stückchen mit nach Hause nehmen. Und Dich dort wieder herzlich begrüßen… aber dann bin ich stärker als zuvor. Bin angefüllt von „Nichts tun“ und „Ich-Zeit“. Und dann schaffe ich es vielleicht auch daheim, dass wir beide, liebe Hektik, eine ausgeglichene Parnterschaft eingehen können. Bei der Du mich sehr gerne antreiben darfst, bei der ich dann aber auch sehr wohl „NEIN“ sagen kann, Dir eine Grenze aufzeige, um dann in Balance auf dem Drahtseilakt des Lebens zu tanzen.

Manchmal ist tatsächlich weniger mehr.

Freundliche Grüße,
die Muschelsucherin“

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